Notruf 112 -Medizinischer Notfall für Dummies-
“Ich habe Ihnen das doch schon alles am Telefon erzählt.”- “Sind Sie der Arzt?” – “Wie sie sind nur Rettungsassistent, ich will aber einen ausgebildeten Sanitäter haben, keinen Lehrling.” – “Ich habe den Krankenwagen schon vor einer Stunde bestellt! Jetzt müssen Sie auch nicht mehr kommen, mein Mann ist schon tot.”- “Wenn Sie noch einmal so unfreundlich zu mir am Telefon sind, dann werde ich mich aber über Sie beschweren!”
Der Rettungsdienst ist da, und wird mit solchen “Sprüchen” begrüßt. Der geneigte Zivilist Bürger weiß im Allgemeinen gar nicht, was er anrichtet welches umfangreiches Räderwerk er in Gang setzt, wenn er über die 112 die Hilfe des öffentlichen Rettungsdienstes anfordert. Dieser Sache, sowie weiteren Begrifflichkeiten, möchte ich heute mal nachgehen.
Einige Dinge sind in verschiedenen Regionen in Deutschland etwas anders geregelt, letztlich macht es für den Hilfesuchenden aber keinen Unterschied.
Notrufnummer
In Deutschland ist die Notrufnummer für den Rettungsdienst und die Feuerwehr die 112 . Es gibt hier (noch) Ausnahmen, z.B. in Bayern. Das hat etwas damit zu tun, dass das System dort bisher anders gehandhabt wurde und es eine Rettungsleitstelle (Rettungsdienst) und eine Feuerwehrleitstelle gab. Hin und wieder wurde die Alarmierung der Feuerwehr auch durch eine Polizeileitstelle durchgeführt. Die alarmierte Feuerwehr hat denn ihre Feuerwehreinsatzzentrale besetzt, welche dann als Leitstelle fungierte. Daher ist es, u.a. in Bayern, noch möglich, dass die Notrufnummer für den Rettungsdienst die 19222 ist. In den meisten Gegenden in Deutschland ist dies aber die Nummer für die Bestellung eines geplanten Krankentransportes. Nach und nach werden aber nur noch sogenannte integrierte Leitstellen genutzt werden, welche dann die komplette nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr abwickeln. Es ist ebenfalls vorgesehen innerhalb der Europäischen Union nur noch die 112 als Notrufnummer für Feuerwehr und Rettungsdienst zu nutzen. Da das nach 60 Jahren Bundesrepublik Deutschland noch nicht flächendeckend funktioniert, kann man nicht unbedingt erwarten, dass es innerhalb weniger jahre in ganz Europa funktioniert. Alles in allem macht es aber nichts, weil unter der 112 geht auf jeden Fall jemand dran. Es können dann auch die passenden Stellen informiert werden. Natürlich kommt es so zu Verzögerungen in der Alarmierung. Zur Not, wenn z.B. die Nummer 112 gestört ist, kann man auch die Notrufnummer der Polizei, 110, wählen. Die Leitstellen sind untereinander durch relativ zuverlässige Leitungen verbunden.
Der Notruf
Ich habe den Notruf des Rettungsdienstes (in unserem Fall 112) gewählt. Nach einiger Zeit geht jemand auf der anderen Seite dran und meldet sich z.B. mit “Notruf Feuerwehr”. Meist wird auch noch der Standort der Leitstelle mitgeteilt. “Notruf Feuerwehr Köln”, oder “Notruf Feuerwehr Rhein-Berg”. Warum das interessant ist? Wenn man z.B. auf der Autobahn oder im Grenzbereich zwischen zwei Städten unterwegs ist und mit dem Mobiltelefon anruft, kann es sein, dass die Funkzelle in ein anderes Ortsnetz vermittelt und man dementsprechend auch in einer anderen Stadt “rauskommt”. Das macht prinzipiell aber wieder nichts, weil die Leitstelle den Notruf aufnimmt und entsprechend der Nachbarleitstelle Bescheid gibt, bzw. direkt weitervermitteln kann.
Der Leitstellendisponent sitzt da also vor seinem Computer und fragt nun nach den für den Einsatz interessanten Angaben. Früher hat man die 5 W’s gelernt, die da lauten:
Wo geschah es?
Was geschah?
Wie viele Personen sind betroffen?
Welche Art der Erkrankung / Verletzung liegen vor?
Warten auf Rückfragen!
Das würde die Sache ungemein erleichtern, aber es klappt in der Regel nicht. Die Menschen die den Notruf wählen sind normalerweise richtig aufgeregt und sind meist schon stolz, die richtige Nummer gewählt zu haben. Letzlich sind die obigen Angaben schon das Wichtigste für die Leitstelle, um einen Einsatz daraus zu machen. Es ist aber völlig egal, ob man sich an die Reihenfolge hält, etwas vergißt oder ähnliches. In der Leitstelle sitzen augebildete und erfahrene Einsatzkräfte, die entsprechende gezielte Fragen stellen. Natürlich ist das auch für diese Kollegen nicht so einfach aus den Angaben eines Laien 100 % verwertbare Informationen zu gewinnen. Der Notruf selber soll ja auch nicht ewig lange dauern, gemütliches Plaudern ist also nicht drin.
Allerdings sollte man schon mit dem Disponenten sprechen und nicht nur ins Telefon brüllen “Hier ist jemand tot, kommen sie schnell!”, um dann umgehend aufzulegen. Damit kann die Leitstelle nichts anfangen. Natürlich bekommt die Leitstelle bei Anrufen aus dem Festnetz den Standort des Anschlußes angezeigt, aber der Notfall könnte ja auch wo anders sein. Bei Mobiltelefonen kann man den Standort ebenfalls bestimmten, was aber einiges an Zeit kostet und auch recht ungenau ist. Bei den Mobiltelefonen kann man nur feststellen, in welcher Zelle sich das Telefon befindet. Die Mobilfunkzellen können auch mal mehr als 1km Durchmesser haben.
Nachdem der Leitstellendisponent die Angaben erhalten hat, muß er sich überlegen, welches Alarmstichwort er vergibt, damit der Computer die entsprechende Rettungsmittelkette vorschlägt. Das hört sich wieder kompliziert an. Machen wir es mal an einem einfachen Beispiel fest.
Frau Meyer aus der Fransenstraße 14 gibt am Telefon an, dass ihr Mann starke schmerzen in der Brust hat, welche in den linken Arm ausstrahlen. Hinzu kommt, dass er stark schwitzt und kaum noch Luft bekommt.
Der “Profi” erkennt, dass der Patient einen Herzinfarkt haben könnte. Um den Infarkt bestmöglich zu behandeln muß also ein Notarzt zur Fransenstraße, da diese Erkrankung / Verletzung lebensbedrohlich ist. Es macht also einen Einsatz “Intern -2″ auf. “Intern” steht für einen internistischen Einsatz, die “2″ sozusagen für die “Stufe 2″. Es gibt eine Unmenge Einsatzstichwörter, die von Stadt zu Stadt unterschiedlich sein können. Jedem Einsatzstichwort sind gewisse Einsatzmittel zugeordnet. Wenn jetzt jemand anruft und einen Verkehrsunfall mit einer eingeklemmten Person meldet, dann gibt es für den Computer das Stichwort “VU P-Klemmt”. Nun müssen ja andere Fahrzeuge und Mannschaften alarmiert werden, als bei dem Einsatz für Herrn Meyer. Diese Verknüpfungen sind im Computer hinterlegt und werden dann entsprechend zugeordnet.
Noch einmal zum Beispiel von Herrn Meyer.
Der Herr Meyer befindet sich in einer lebensbedrohlichen Situation und benötigt drigend Hilfe durch einen Notarzt. Der Computer weiß also, “Intern-2″ bedeutet, dass er ein Notarzteinsatzfahrzeug (bringt den Notarzt zur Einsatzstelle) und einen Rettungswagen (transportiert den Patienten ins Krankenhaus) vorschlagen muss. Nun schaut der Computer, welches Fahrzeuge für Einsätze in der Fransenstraße zur Verfügung stehen. Sind die primär vorgesehenen Fahrzeuge bereits in einem einsatz, dann muß er weiterschauen welches Fahrzug er dann nimmt.
Dies geschieht natürlich alles in einem Sekundenbruchteil. Letzlich sieht der Leitstellendisponent, dass er zwei Fahrzeuge disponieren und alarmieren kann. Klickt er die entsprechenden Felder in seinem Computer an wird, zumindest bei uns hier, eine dreigliedrige Alarmierung in Gang gesetzt. Per Funk werden die Funkmeldeempfänger(Piepser) der zugeordneten Fahrzeuge ausgelöst, welche dann auf dem Display das Einsatzstichwort, die Straße, den Namen und weitere Informationen darstellen. Gleichzetig wird an einen Drucker auf der Wache ein Alarmschreiben geschickt. Hier stehen auch der Name, die Adresse und das Einsatzstichwort drin. Hinzu kommt noch der Name des Anrufers, Anfahrtshinweise, Hinweise auf Gefahren an der Einsatzstelle, weitere alarmierte Fahrzeuge und noch mehr Informationen die zu dem Objekt im Leitrechner hinterlegt sind, bzw. durch den Disponenten eingegeben wurden. Als drittes löst der Computer den Wachalarm aus. Es geht also überall auf der Wache das Licht an, die Steckdosen für Geräte (Staubsauger, Winkelschleifer o.ä.) werden abgeschaltet und es ertönt ein Gong-Signal. Anhand der Gongart und Tonfolge kann die Wachmannschaft erkennen, ob es sich um einen Alarm für den Rettungsdienst, die Feuerwehr oder einen Voralarm. Bei uns kann die Leitstelle bei zeitkritischen Einsätzen (Feuer mit Personengefährdung, Flugzeugabsturz o.ä.) bereits während der Notrufannahme einen Knopf drücken, welcher einen “Voralarm” auf auslöst. Dadurch wird die Ausrückezeit verringert. Nach dem Gong kann die Leitstelle noch eine Durchsage machen.
Bis zu diesem Zeitpunkt ist (meist) gerade mal eine Minute seit dem Abheben des Telefonhörers vergangen.
Nun bewegen sich die zwei Einsatzkräfte für den Rettungswagen und der eine Mann für den Notarztwagen schnellstmöglich zu ihren Fahrzeugen. Da wir (noch) keine Navigationssysteme haben, muß man bei unbekannten Straßen auch mal auf der großen Karte schauen, wo man überhaupt hin muss.
Der Rettungswagen fährt nun direkt zum Einsatzort, während das Notarzteinsatzfahrzeug zum nahegelegenen Krankenhaus (hier ziemlich genau 1km entfernt) fährt, um den Notarzt abzuholen.
Die Fransenstraße ist recht schnell gefunden. Allerdings kann die Besatzung des Rettungswagens das Haus Nr. 14 nicht direkt finden. Es gibt, wie so oft, keine Hausnummer, welche von der Straße gut sichtbar ist. Es steht auch niemand auf der Straße, um den Rettungsdienst einzuweisen. Natürlich kann man nicht immer einen Einweiser abstellen, aber die Anbringung einer gut sichtbaren, bei Dunkelheit beleuchteten, Hausnummer erleichtert die Suche ungemein.
Oft vergessen die Hilfesuchenden, dass die Leute vom Rettungsdienst noch nie bei der Familie Meyer zu Besuch waren.
Nun ist der Rettungsdienst angekommen und die medizinische Hilfe ist gewährleistet.
Begriffe, Normen, Gesetze
Damit der “qualifizierte Rettungsdienst” funktioniert bedarf es einer einheitlichen Ausbildung und Regelung.
Die Ausbildung des Personals ist stufenartig.
- 1. Rettungshelfer
- 2. Rettungssanitäter
- 3. Rettungsassistent
Die Ausbildung zum Rettungsassistenten dauert am längsten, ist aber auch die umfangreichste medizinische Ausbildung. Der Notarzt ist natürlich die Person mit der höchsten medizinischen Qualifikation. Der Arzt kommt aber über eine ganz andere Schiene in das System rein. Nachdem die Qualifikation “Arzt” durch ein Studium der Humanmedizin erreicht wurde, muß er noch den “Notarztschein” machen, was eine Zusatzqualifikation darstellt.
Das Gesetz über den Rettungsdienst sowie die Notfallrettung und den Krankentransport durch Unternehmer (RettG NRW) beschreibt dann, wer mit einer gewissen Qualifikation auf diesem oder jenem Fahrzeug eingesetzt werden kann. Hier gibt es auch noch von den einzelnen Rettungsdienstträgern vorgeschriebene Zusatzqualifikationen.
Auf dem Krankentransportwagen sind daher mindestens ein Rettungshelfer als Fahrer und ein Rettungssanitäter als Fehrzeugfüher einzusetzen. Bei einem Rettungswagen muß der Fehrzeugfahrer schon die Qualifikation Rettungssanitäter und der Fahrzeugführer die Qualifikation Rettungsassistent haben. Um den Notarzt spazieren fahren zu dürfen muss man die Qualifikation Rettungsassitent haben.
Jetzt wurde so viel über die Fahrzeuge geschrieben. Also:
Ein Krankentransportwagen (KTW) dient, wie der Name schon sagt, dazu, Kranke zu transportieren. Es handelt sich hier um solche Kranke, die liegend, bzw. sitzend transportiert werden, während sie durch medizinisches Fachpersonal betreut werden müssen. Allerdings sind diese Patienten nicht vital bedroht. Zu diesen Transporten gehören z.B. Dialysepatienten.
Ein Rettungswagen (RTW) dient, wie der Name auch wieder treffend sagt, dazu, Menschenleben zu retten. Auf dem Fahrzeug wird umfangreiches medizinisches Material transportiert um am Einsatzort die Vitalfunktionen wieder herzustellen und bis zum Eintreffen in einem Krankenhaus aufrecht zu erhalten.
Das Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) wird benötigt um den Notarzt zum Einsatzort zu bringen und weiteres medizinisches Gerät zu transportieren.
Früher wurden sogenannte Notarztwagen (NAW) eingesetzt. Das waren eigentlich nur normale Retungswagen, auf denen noch zusätzlich ein Arzt mitfuhr. Das führte zu dem Problem, dass der Arzt immer an das eine Fahrzeug gebunden war. Mit dem Rendevouz-System der NEF kann ein Arzt so mehrere RTW „betreuen“, in dem er im Notfall die weitere Versorgung eines patienten der RTW Besatzung überläßt und mit dem NEF einen neuen Einsatz wahrnimmt.
Es gibt noch jede Menge Sonderfälle und regionale Regelungen, die man hier nicht weiter aufführen muss. Für den „Normalverbraucher“ sollte diese Info reichen.
2 Kommentare
Wow, echt ausführlich geschrieben!
Danke!
Hmmmm, manchmal hört sich das negativ an….